Es gibt Bücher, die ihren Sog nicht aus Ereignissen ziehen, sondern aus der präzisen Aufmerksamkeit für das, was zwischen Ereignissen liegt. Benno Vorbergs Roman Der leere Platz ist so ein Buch.
Die Handlung spielt auf einer Theaterprobebühne in der DDR des Jahres 1989, wenige Wochen vor dem 9. November. Im Mittelpunkt steht kein Held, keine Flucht, kein Verrat im großen Sinne – sondern ein Tisch. Ein Tisch, der aus sechs Segmenten zusammengesetzt ist und in der Mitte einen Spalt hat, der nicht geschlossen werden soll. Und ein Stuhl, der fehlt.
Vorberg erzählt seinen Roman durch eine Figur, die selbst am Rand steht: Irene Falk, Schauspielerin seit vielen Jahren am Haus, mit wenig Text, aber umso genauerer Wahrnehmung. Sie ist nicht die Heldin. Sie kommt später als die anderen. Sie gehört nicht zum Tisch. Gerade deshalb sieht sie alles.
Was Vorberg gelingt, ist selten: Er schreibt über politischen Druck, ohne ihn je zu benennen. Die Kulturabteilung bittet um »eine Spur weniger«. Ein Wort wird aus einem Satz gestrichen. Ein Scheinwerfer wird umgesetzt, weil er einen Platz »zu deutlich« macht. Keine Verhaftung, keine Ohrfeige, kein Stempel. Nur Verschiebungen. Und man versteht, wie viel in einer Verschiebung stecken kann.
Daneben entwickelt der Roman eine Geschichte von Schuld ohne Verrat, von Schweigen ohne Feigheit – und von der Frage, ob es einen Unterschied gibt. Ein Kollege namens Paul Sander ist längst verschwunden aus dem Spielplan. Er taucht als Stuhl wieder auf, als Foto, als Erinnerung, die Irene nicht öffentlich macht, weil sie nicht weiß, wie.
Der leere Platz ist kein Wenderoman. Er endet nicht mit dem 9. November als Befreiung. Er endet mit einer Probe, die pünktlich beginnt. Und gerade diese Pünktlichkeit ist das Erschreckende und das Wahre.
Ein stilles, genaues, sehr ernstes Buch.
„Vorberg schreibt dabei nicht von außen. Er war dabei – als Zeitzeuge, als Theatermensch, als jemand, der diese Räume, diese Gespräche, diese kleinen Verschiebungen selbst erlebt hat. Das gibt dem Roman eine Qualität, die kein Rechercheprojekt ersetzen kann: die genaue Erinnerung an das, was sich nicht aufschreiben ließ.“ (H.S.)
Ein Auszug
Matthias setzte sich nicht sofort. Er stand mit seinem Kaffee in der Hand und wartete, bis Irene Platz nahm. Das hätte höflich sein können. Es hätte auch eine Technik sein können. Sie setzte sich an den Tisch neben dem Fenster, nicht an das Ende. Matthias stellte seine Tasse gegenüber ab.
„Darf ich?“
„Sie stehen schon.“
Er setzte sich.
Der Kaffee dampfte kaum. In der Kantine war er oft schon alt, wenn er ausgeschenkt wurde. Irene nahm ihren mit einem kleinen Löffel Kondensmilch, die sich in grauen Schlieren durch die Flüssigkeit zog und dann verschwand.
„Ich möchte Sie nicht ausfragen“, sagte Matthias.
„Das ist ein schlechter Anfang für Fragen.“
Er nahm es hin.
„Dann anders. Ich versuche zu verstehen, wie dieses Haus arbeitet.“
„Es probt.“
„Ja.“
„Das ist meistens nicht geheim.“
„Nicht das Proben. Die Bedingungen.“
„Auch die sind nicht geheim. Sie sind nur langweilig.“
„Langweilige Bedingungen sind oft wirksam.“
Das war kein schlechter Satz. Irene sah auf.
Matthias hielt die Tasse mit beiden Händen, nicht weil sie heiß war, eher um nichts mit dem Stift zu tun. Sein schwarzes Heft lag geschlossen neben ihm. Das bemerkte sie. Es lag zu sichtbar geschlossen.
„Sie schreiben nicht?“, fragte sie.
„Noch nicht.“
„Das ist beruhigend?“
„Soll es nicht sein.“
„Was dann?“
„Anständig vielleicht.“
Sie trank. Der Kaffee war dünn, aber bitter genug.
„Anständig ist ein Wort, das man in diesem Haus vorsichtig verwenden sollte.“
„Warum?“
„Weil es oft auf Kosten anderer geht.“
Er nickte langsam.
„Darf ich nach Zensur fragen?“
Irene sah auf die Uhr an der Wand. Sie ging acht Minuten nach. Seit Wochen.
„Sie dürfen.“
„Gab es bei dieser Arbeit Eingriffe?“
„Gestern wurde ein Scheinwerfer umgesetzt.“
Er wartete.
„Von vorn links nach hinten rechts“, sagte Irene. „Oder umgekehrt. Ich weiß es nicht mehr genau.“
„Das meine ich nicht.“
„Es war ein Eingriff.“
„Ich meinte inhaltlich.“
„Licht ist Inhalt.“
Matthias sah sie an. Nicht ungeduldig. Nur genauer.
„Einverstanden“, sagte er. „Warum wurde er umgesetzt?“
Sie legte den Löffel auf die Untertasse. Der Löffel lag sofort in einer braunen kleinen Pfütze.
„Weil er den freien Platz zu deutlich machte.“
„Wer hat das entschieden?“
„Erst der Regisseur. Dann der Beleuchter. Dann der Tisch.“
„Der Tisch?“
„Man sah eine Kante falsch. Also musste das Licht anders.“
Er lächelte nicht.
Das gefiel ihr fast.
„Und hatte diese Entscheidung etwas mit dem Besuch aus der Kulturabteilung zu tun?“
„Der Scheinwerfer wurde vor dem Besuch umgesetzt.“
„Aber nachher blieb er dort.“
„Ja.“
„Warum?“
Irene sah zum Fenster. Im Hof stand ein Lieferwagen mit offener hinterer Tür. Ein Mann in einer grauen Jacke lud Kisten aus, stellte sie nebeneinander auf den nassen Boden, zählte sie, nahm eine wieder hoch und stellte sie an eine andere Stelle. Das änderte nichts. Trotzdem tat er es.
„Weil das Licht besser war“, sagte sie.
Matthias schwieg.
Sie wusste, was er dachte. Dass sie auswich.
Er nahm die Tasse, trank, stellte sie ab.
„Wenn Sie sagen, Licht ist Inhalt“, sagte er, „dann ist eine Lichtänderung doch nicht nur technisch.“
„Habe ich das behauptet?“
„Nein.“
„Dann fragen Sie nicht, als hätte ich es behauptet.“
Er sah kurz auf sein geschlossenes Heft.
„Sie haben recht.“
Das war wieder unangenehm.
„Sie wollen die Wörter nicht“, sagte er schließlich.
„Welche Wörter?“
„Zensur. Angst. Anpassung. Widerstand.“
„Sie wollen sie.“
„Ich brauche sie vielleicht.“
„Das ist schlimmer.“
Er nickte wieder. Diesmal langsamer.
„Weil ich damit ordne.“
„Weil Sie damit fertig sind, bevor Sie angefangen haben.“
Der Satz war härter, als sie beabsichtigt hatte. Sie sah zum Fenster. Der Mann im Hof hatte die Kisten nun alle ausgeladen. Er stand vor ihnen und rauchte. Die Kisten standen nicht besser als vorher.
Matthias schlug das Heft auf. Nicht um zu schreiben. Er legte nur die Hand auf die erste leere Seite.
„Ich bin nicht hergekommen, um Ihnen Begriffe überzustülpen.“
„Nein.“
„Das klingt, als glauben Sie mir nicht.“
„Ich glaube Ihnen.“
„Aber?“
„Sie bringen sie trotzdem mit.“
Er sah auf seine Hand. Die Fingernägel waren kurz. An der Seite des Mittelfingers hatte er eine kleine Verhärtung vom Schreiben. Keine Arbeiterhand. Keine ganz weiche. Eine Hand, die täglich Wörter hielt.
„Natürlich“, sagte er.
Das Wort war leise. Irene mochte dieses Natürlich nicht. Es war nicht selbstzufrieden. Es war schlimmer. Es war wahr.
Matthias fragte: „Wie sollen die Sätze denn durchkommen, wenn nicht so?“
Irene stellte die Tasse ab.
„Weil sie sonst gar nicht durchkommen.“
Der Satz war nun doch da. Zu deutlich. Irene merkte es und ärgerte sich.
Matthias hielt still. Er nahm ihn nicht. Er ließ ihn vor ihr liegen.
„Danke“, sagte er.
„Wofür?“
„Für den Satz.“
„Er gehört nicht Ihnen.“
Matthias nickte.
„Nein.“
Dann stand Irene auf, brachte ihre Tasse zur Ausgabe.
„Frau Falk.“
Sie blieb stehen.
„Das war ein schöner Satz“, sagte er.
Sie sah ihn an.
„Dann vergessen Sie ihn.“
