
Es ist ein Roman über den Herbst 1989, über ein norddeutsches Theater in der DDR, über eine Probe, über Blicke, Pausen, Verschiebungen — und über jenen Moment, in dem Geschichte noch nicht erklärt ist, aber bereits im Raum steht.
Ich habe diesen Roman nicht aus der Distanz geschrieben. Der leere Platz beruht in wesentlichen Teilen auf eigenen biografischen Erfahrungen. Ich habe die DDR nicht aus Archiven, späteren Deutungen oder Fernsehbildern kennengelernt, sondern aus einem Alltag, in dem vieles gesagt wurde und anderes unausgesprochen blieb. Ich kenne Institutionen, Dienstwege, Vorsicht, Anpassung, Gespräche zwischen Tür und Angel, halbe Sätze, unterbrochene Blicke. Und ich kenne auch jene besondere Atmosphäre eines Theaters im Herbst 1989, in der Kunst, Politik und persönliches Verhalten plötzlich nicht mehr voneinander zu trennen waren.
Ein Roman über den Herbst 1989 — aber nicht als Geschichtsstunde
Der leere Platz ist kein historischer Roman, der den Mauerfall nacherzählt. Der 9. November 1989 steht nicht als großes Fernsehbild im Mittelpunkt. Mich hat etwas anderes interessiert: die Zeit davor. Die Tage und Wochen, in denen sich eine Ordnung noch behauptete, obwohl sie innerlich bereits zu bröckeln begann.
Ich habe diesen Roman nicht aus der Distanz geschrieben. Der leere Platz beruht in wesentlichen Teilen auf eigenen biografischen Erfahrungen. Ich habe die DDR nicht aus Archiven, späteren Deutungen oder Fernsehbildern kennengelernt, sondern aus einem Alltag, in dem vieles gesagt wurde und anderes unausgesprochen blieb. Ich kenne Institutionen, Dienstwege, Vorsicht, Anpassung, Gespräche zwischen Tür und Angel, halbe Sätze, unterbrochene Blicke. Und ich kenne auch jene besondere Atmosphäre eines Theaters im Herbst 1989, in der Kunst, Politik und persönliches Verhalten plötzlich nicht mehr voneinander zu trennen waren.
Der Roman bleibt deshalb in einem geschlossenen Raum. Er führt auf eine Probebühne, in Flure, in die Kantine, in Besprechungen, in Garderoben, in Gespräche nach der Probe. Gerade dort, wo äußerlich weitergearbeitet wird, wird sichtbar, dass sich die Wirklichkeit verändert hat.
Ein Theater ist dafür ein besonderer Ort. Auf der Bühne wird gesprochen, geprobt, wiederholt, verbessert, verworfen. Zugleich ist ein Theater nie nur Kunst. In der DDR war es auch ein Raum der Beobachtung, der Andeutung, der Vorsicht und manchmal der Wahrheit, die nicht direkt ausgesprochen werden durfte.
Der freie Platz auf der Bühne
Im Zentrum des Romans steht eine Inszenierung. Ein Tisch wird auf der Probebühne aufgebaut, fast rund, aus mehreren Teilen zusammengesetzt. Doch in seiner Mitte bleibt ein Platz frei.
Was zunächst wie eine praktische Entscheidung aussieht, verändert sich im Verlauf des Romans. Dieser leere Platz wird zu einem Zeichen, das sich nicht mehr beruhigen lässt. Er kann Einladung sein oder Fehler, Hoffnung oder Drohung, Abwesenheit oder Möglichkeit. Je länger geprobt wird, desto deutlicher wird: Nicht nur auf der Bühne fehlt etwas.
Mich interessierte an diesem Bild, dass es keine einfache Antwort erlaubt. Ein leerer Platz kann offen sein. Er kann aber auch zeigen, dass jemand oder etwas fehlt. In diesem Spannungsfeld bewegt sich der Roman.
Irene, Matthias und der Blick von außen
Eine der zentralen Figuren ist Irene, eine Schauspielerin, die genauer wahrnimmt, als sie spricht. Sie beobachtet, wie sich Sätze verändern, wie Kolleginnen und Kollegen vorsichtiger werden, wie alte Gewissheiten nicht plötzlich verschwinden, sondern zuerst ihren Ton verlieren.
Neben ihr steht Matthias, ein Kritiker aus Hamburg. Er erkennt die Bedeutung dessen, was in diesem Theater geschieht. Aber gerade sein Blick von außen bringt eine eigene Spannung mit sich. Wer beschreibt eine Erfahrung? Wem gehört eine Erinnerung? Wann wird Verstehen zur Aneignung?
Diese Fragen haben mich beim Schreiben lange begleitet. Sie betreffen nicht nur die Figuren im Roman. Sie betreffen auch den Umgang mit ostdeutscher Geschichte überhaupt. Vieles wurde nach 1989 erklärt, eingeordnet, bewertet. Aber nicht alles, was erklärt wurde, war damit wirklich verstanden.
Ein biografisch grundierter Theaterroman
Der leere Platz ist ein literarischer Roman, aber er steht auf biografischem Boden. Ich habe nicht versucht, eine Chronik zu schreiben. Auch keine Abrechnung. Mich interessierte der innere Zustand jener Zeit: das Zögern, das Schweigen, die plötzliche Schärfe einzelner Sätze, das Gefühl, dass etwas unwiderruflich in Bewegung geraten war, bevor man es benennen konnte.
Der Roman erzählt von Kunst und Macht, von Erinnerung und Deutung, von ostdeutscher Erfahrung und westdeutschem Blick. Vor allem aber erzählt er von Menschen, die in einem Raum weiterarbeiten, während draußen und in ihnen selbst eine Wirklichkeit auseinanderbricht.
Für mich beginnt Geschichte nicht immer mit einem lauten Ruf auf der Straße. Manchmal beginnt sie leiser. Mit einer veränderten Geste. Mit einem nicht beendeten Satz. Mit einem Stuhl, der fehlt. Mit einem Platz, der frei bleibt.
Ein Auszug:
Irene fand ihn nicht sofort. Das lag nicht an der Größe der Bibliothek. Die Stadtbibliothek war überschaubar: ein Eingangsbereich mit Ausleihtheke, dahinter die Zeitschriften, rechts die Kinderbücher, links die Belletristik, im hinteren Teil Sachbücher, Kunst, Musik, Theater, soweit man das Theater hier noch von den übrigen Künsten trennte. Auf einem Tisch lagen Zeitungen, an Holzstäben befestigt. Zwei davon fehlten. Eine alte Frau las den Lokalteil, ohne den Mantel auszuziehen. Ein Junge kniete vor einem unteren Regal und zog jedes dritte Buch halb heraus, nur um es wieder hineinzuschieben.
Irene war wegen des Artikels gekommen.
Nicht wegen Matthias‘ Artikel. Wegen der Artikel, die nun überall auslagen, weil die Bibliothek in diesen Tagen plötzlich zum Ort geworden war, an dem man westliche Zeitungen nicht heimlich weitergab, sondern auf den Tisch legte, als habe man es immer so getan. Die Dramaturgin hatte gesagt, dort gebe es vielleicht eine Ausgabe, die im Haus noch fehlte. Irene hatte angeboten zu gehen, obwohl niemand sie darum gebeten hatte. Oder gerade deshalb. Im Theater standen zu viele Menschen herum, die etwas erwarteten.
Sie blieb im Eingangsbereich stehen und sah auf die Theke. Hinter der Theke saß nicht er. Eine junge Frau mit kurzem Haar stempelte Rückgabekarten, ohne aufzusehen. Neben ihr lag ein Stapel Bücher, auf dem ein schmaler Zettel klebte: Noch nicht einordnen. Die Schrift war streng, als sei Einordnen etwas, das zu früh geschehen konnte.
„Ich suche die Wochenzeitungen“, sagte Irene.
Die junge Frau zeigte auf den hinteren Tisch.
„Da, soweit sie noch da sind.“
„Soweit?“
„Manche bleiben länger bei den Lesern.“
„Das war früher anders.“
Jetzt sah die Frau auf.
„Früher war vieles anders.“
Sie sagte es ohne Schärfe. Vielleicht einfach nur, weil der Satz seit Tagen überall lag und man ihn aufheben musste, wenn er im Weg war.
Irene ging zu den Zeitungen.
Die Ausgabe mit Matthias‘ Artikel lag nicht dort. Dafür zwei andere, eine aus Westberlin, eine aus Hamburg, eine dritte ohne Umschlagseite. Auf dem Papier standen Wörter wie Aufbruch, Mauer, Einheit, Chance, Ende, Anfang. Zu viele große Wörter für einen Tisch mit vier wackelnden Beinen. Jemand hatte mit Bleistift einen Absatz angestrichen. Daneben lag ein Theaterprogramm aus dem Haus, nicht das aktuelle. Ein älteres. Die Ecke geknickt.
Sie nahm es auf.
Die Spielzeit lag sieben Jahre zurück.
Auf der Besetzungsseite stand sein Name.
Paul Sander.
Nicht groß. Nicht hervorgehoben. Dritte Zeile unter den Herrenrollen.
Irene hielt das Programm in der Hand und wusste im selben Augenblick, dass es kein Zufall war. Oder dass Zufall nur ein anderes Wort dafür war, wenn Dinge den Zeitpunkt nicht erklärten, zu dem sie wieder auftauchten.
„Das gehört nicht zu den Zeitungen.“
Die Stimme kam von rechts, hinter dem Regal mit Kunstbänden.
Sie drehte sich um.
Paul Sander stand mit einem Bücherwagen im Gang.
Er war schmaler geworden. Nicht kleiner. Schmaler. Als habe er über Jahre die unnötigen Bewegungen abgelegt. Das Haar war grau, aber nicht vollständig. Die Stirn höher. Die Brille hing an einer dünnen schwarzen Schnur vor der Brust. Er trug einen braunen Kittel, wie ihn Bibliotheksangestellte, Archivare oder Leute trugen, die nicht mit ihren eigenen Kleidern an fremden Staub wollten. In der rechten Hand hielt er drei Signaturkarten.
„Sander“, sagte Irene.
„Falk.“
Die Namen reichten nicht. Aber mehr war zu viel.
Er stellte die Karten in einen kleinen Holzkasten auf dem Wagen. Der Wagen hatte drei Etagen. Unten Sachbücher, in der Mitte Romane, oben Zeitschriften und Programme. Ein Rad quietschte, wenn er ihn nur leicht bewegte.
„Sie arbeiten hier“, sagte sie.
„Heute ja.“
„Seit wann?“
Er nahm ein Buch vom Wagen, sah auf den Rücken, stellte es in ein Regal, zog es wieder heraus und schob es eine Stelle weiter links hinein.
„Seit es Arbeit gibt.“
Das war kein Ausweichen. Es war nur eine Antwort, die keine Jahreszahl tragen wollte.
Irene legte das Programm nicht zurück.
„Ich wusste es nicht.“
„Es stand nicht im Spielplan.“
Er sagte es ohne Spott.
Gerade deshalb traf es.
In der Nähe blätterte die alte Frau weiter in der Zeitung. Das Papier knackte. Der Junge bei den Kinderbüchern wurde von seiner Mutter leise zurechtgewiesen. Die junge Frau an der Theke stempelte weiter. Das Stempeln kam regelmäßig, kleiner Schlag, Papier, nächster Schlag. Ein Verwaltungsgeräusch, das in der Bibliothek harmloser klang als im Theater.
Paul sah auf das Programm in Irenes Hand.
„Das lag falsch.“
„Hier?“
„Ja.“
„Wer bringt Theaterprogramme in die Bibliothek?“
„Leute, die glauben, dass jetzt alles aufgehoben werden muss.“
Er nahm ihr das Programm nicht ab.
„Muss es?“, fragte Irene.
Er sah zum Tisch mit den Zeitungen.
„Manches wird nur nicht mehr rechtzeitig weggeworfen.“
Sie legte das Programm auf den Bücherwagen.
Nicht oben.
In die Mitte, auf einen Roman mit grünem Einband.
Er nahm es, betrachtete die Knickstelle und strich sie mit dem Daumen glatt. Nicht zärtlich. Gewohnheitsmäßig. Dann legte er es in eine flache Mappe, die auf dem Wagen lag. Auf der Mappe stand mit Bleistift: Theater / ungeprüft.
…
