Manchmal beginnt ein Kinderbuch nicht mit einer Figur, nicht mit einem Abenteuer und auch nicht mit einem Ort. Manchmal beginnt es mit einem fehlenden Wort.
Bei meinem Kinderbuchprojekt war es genau so. Da war ein Kind, das etwas empfand, aber nicht wusste, wie es heißen sollte. Nicht traurig. Nicht wütend. Nicht einfach beleidigt. Es war etwas dazwischen. Ein Gefühl, das noch keinen Namen hatte. Und plötzlich stellte sich mir die Frage: Was geschieht eigentlich mit Kindern, wenn ihnen für das, was sie erleben, die Wörter fehlen?
Aus dieser Frage entstand ein Kinderroman für Grundschulkinder, der phantastisch erzählt, aber aus einem sehr gegenwärtigen Problem kommt. Kinder wachsen heute in einer Welt auf, in der Sprache oft schneller, kürzer und gröber wird. Viele Sätze werden zu Kürzeln. Gefühle werden in Emojis, Bewertungen oder kleine Kästchen gepresst. „Gut“, „okay“, „egal“, „sorry“ — das sind nützliche Wörter. Aber sie können auch zu bequem werden. Sie können verdecken, was eigentlich genauer gesagt werden müsste.
Ein Kinderbuch darf daraus keinen Vortrag machen. Kinder spüren sofort, wenn Erwachsene ihnen etwas beibringen wollen, statt ihnen eine Geschichte zu erzählen. Deshalb war für mich von Anfang an klar: Diese Bücher dürfen nicht belehren. Sie müssen abenteuerlich sein, märchenhaft, warm, manchmal auch ein wenig unheimlich. Sie müssen Kinder ernst nehmen, ohne sie zu überfordern. Und sie müssen unbedingt auf der Seite der Phantasie stehen.
In dem ersten Buch entdeckt Mila unter ihrer Schule einen Ort, an dem verlorene, beschädigte und zu oft benutzte Wörter aufbewahrt werden. Dort begegnet sie Herrn Quast, einem wunderlichen Hüter der Sprache, der nicht erklärt, was Kinder fühlen sollen, sondern ihnen zeigt, dass Wörter gepflegt werden müssen. Ein Wort ist in dieser Geschichte nie bloß ein Wort. Es kann müde sein. Es kann falsch benutzt werden. Es kann fehlen. Und manchmal muss man lange suchen, bis man das richtige findet.
Der erste Band fragt also: Was geschieht, wenn Kinder für ihre Gefühle keine genauen Wörter haben? Was bedeutet eine Entschuldigung, wenn sie nur noch „sorry“ heißt? Wann ist ein Wort echt, und wann ist es nur eine Floskel? Das klingt groß, aber im Buch wird es klein erzählt: über Freundschaft, Eifersucht, Missverständnisse, Schulalltag und das Bedürfnis, gesehen zu werden.
Während der Arbeit zeigte sich schnell, dass dieses Motiv weiterträgt. Sprache endet nicht beim einzelnen Wort. Nach den Wörtern kommen die Geschichten. Deshalb entstand ein zweiter Band. Diesmal geht es um Kinder, die Geschichten erzählen — und um die Frage, warum manche Geschichten erfunden werden.
Das klingt zunächst einfach. Kinder sollen erfinden dürfen. Literatur lebt davon. Phantasie ist kein Fehler, sondern eine Kraft. Aber es gibt einen Unterschied zwischen einer Geschichte, die aus Freude entsteht, und einer Geschichte, die erzählt wird, weil die eigene Wahrheit zu klein erscheint. Genau dieser Unterschied interessiert mich. Ein Kind darf Drachen, Füchse, geheime Zimmer und unmögliche Orte erfinden. Doch etwas anderes geschieht, wenn es erfindet, um nicht zeigen zu müssen, was wirklich war.
Der zweite Band erzählt deshalb nicht gegen die Phantasie. Im Gegenteil: Er verteidigt sie. Aber er fragt, wann eine erfundene Geschichte frei ist — und wann sie jemanden versteckt. Die Bibliothek, die Mila und ihre Freunde entdecken, ist kein Ort der Kontrolle, sondern ein Ort des Zuhörens. Manche Geschichten müssen nicht sofort vorgelesen werden. Manche brauchen Zeit. Manche dürfen warten. Und manche brauchen erst einen sicheren Platz, bevor sie erzählt werden können.
Für einen möglichen dritten Band liegt bereits die Idee vor. Hier würde die Reihe körperlicher und abenteuerlicher werden. Im Mittelpunkt stünde ein Junge, der gern Witze macht und dadurch oft verbirgt, was ihn wirklich beschäftigt. Das Thema wäre Mut — aber nicht als Heldentum. Vielmehr ginge es um den Unterschied zwischen Mut und Leichtsinn, zwischen „Ich traue mich“ und „Ich muss beweisen, weil alle schauen“.
Auch dieser Band bliebe im Bereich der Sprache. Denn Mut beginnt oft mit Wörtern. „Traust du dich?“ kann ein Kind antreiben. „Feigling“ kann es beschämen. „Nur Spaß“ kann verletzen. „Hilfe holen“ kann mutiger sein als jedes Draufgängertum. In der Werkstatt der mutigen Wörter würden solche Begriffe geprüft, voneinander getrennt und neu verstanden. Nicht theoretisch, sondern durch ein Abenteuer, das für Kinder spannend, aber nicht überfordernd ist.
So entsteht allmählich eine Reihe, die jedes Mal ein anderes sprachliches Zentrum hat. Im ersten Band geht es um verlorene Wörter. Im zweiten um ungelebte oder nicht erzählte Geschichten. Im dritten um laute Wörter, die Kinder in falschen Mut treiben können. Verbunden werden die Bücher durch Mila, ihre Freunde, die Grundschule Sonnenweg und Herrn Quast, der irgendwo zwischen Sprachhüter, Märchenfigur und verschrobenem Erwachsenen steht.
Mich interessiert dabei nicht das pädagogische Kinderbuch im engen Sinn. Ich möchte keinen Lehrplan illustrieren. Aber ich glaube, dass gute Kinderliteratur etwas kann, das gerade heute wichtig ist: Sie kann Kindern Bilder für innere Vorgänge geben. Ein Kind, das ein Gefühl nicht benennen kann, ist nicht dumm. Ein Kind, das übertreibt, ist nicht automatisch verlogen. Ein Kind, das „mutig“ wirken will, ist nicht bloß leichtsinnig. Oft fehlt nur ein Raum, in dem genauer hingesehen und zugehört wird.
Vielleicht ist das der eigentliche Kern dieser Kinderbücher: Ich erzähle davon, dass Sprache ein Zuhause sein kann. Nicht, weil sie alles löst. Sondern weil sie Kindern erlaubt, nicht allein mit dem zu bleiben, was sie noch nicht sagen können.
