Benno Vorberg über Sprache, Phantasie und Kinderliteratur.
Wenn ich darüber nachdenke, was ein gutes Kinderbuch ist, beginne ich nicht bei einer Altersangabe, nicht bei einer pädagogischen Absicht und auch nicht bei der Frage, ob ein Buch „kindgerecht“ genug ist. Ich beginne bei einem Kind, das etwas erlebt und noch nicht weiß, wie es dieses Erleben nennen soll.
Für mich ist ein gutes Kinderbuch ein Raum, in dem ein Kind nicht kleiner gemacht wird. Es darf staunen, sich fürchten, lachen, zweifeln, etwas falsch verstehen, etwas verbergen, etwas erst später begreifen. Kinder sind keine halben Leser. Sie sind genaue Leser. Oft genauer als Erwachsene, weil sie noch nicht gelernt haben, über einen falschen Ton hinwegzulesen. Sie merken sehr schnell, ob eine Geschichte ihnen etwas zeigen will oder ob sie ihnen etwas beibringen soll. Und genau da liegt für mich der Unterschied.
Ein gutes Kinderbuch darf klug sein. Es darf sogar sehr klug sein. Aber es darf seine Klugheit nicht vor sich hertragen. Wenn ein Kinderbuch zuerst beweisen möchte, wie wichtig sein Thema ist, verliert es meist die Geschichte. Dann stehen Botschaften im Raum, wo eigentlich Figuren handeln sollten. Dann sprechen Erwachsene durch Kindermünder. Dann wird aus Literatur ein verkleideter Vortrag. Das interessiert mich nicht.
Mich interessiert das Kinderbuch, das aus einer echten erzählerischen Frage entsteht. In meinen Kinderbuchprojekten ist diese Frage sehr einfach und zugleich sehr groß: Was geschieht mit Kindern, wenn ihnen für das, was sie erleben, die richtigen Wörter fehlen? Ein Kind kann eifersüchtig sein, ohne das Wort Eifersucht zu besitzen. Es kann gekränkt sein und trotzdem „egal“ sagen. Es kann sich entschuldigen und doch nur „sorry“ benutzen, weil dieses kleine Wort schneller geht als die eigentliche Wahrheit. Genau an solchen Stellen beginnt für mich Kinderliteratur.
Ein gutes Kinderbuch nimmt diese kleinen inneren Vorgänge ernst. Es weiß, dass ein Streit auf dem Schulhof für ein Kind nicht klein ist, nur weil Erwachsene ihn klein nennen. Es weiß, dass ein Platz neben der besten Freundin mehr bedeuten kann als ein Stuhl. Es weiß, dass ein Satz wie „Ich sitze heute neben Amelie“ ein ganzes Zimmer im Inneren verschieben kann. Deshalb muss ein gutes Kinderbuch nicht dauernd laut sein. Es muss nicht auf jeder Seite Drachen, Explosionen oder wilde Verfolgungen liefern. Spannung entsteht nicht nur durch Gefahr von außen. Sie entsteht auch dort, wo ein Kind spürt: Etwas stimmt nicht mehr, aber ich kann es noch nicht sagen.
Trotzdem braucht ein Kinderbuch Abenteuer. Kinder wollen nicht durch Thesen geführt werden. Sie wollen Türen öffnen. Sie wollen Keller entdecken, verborgene Zimmer, seltsame Erwachsene, geheimnisvolle Gegenstände, Orte, an denen das Gewöhnliche einen Spalt bekommt. Phantasie ist dabei kein Schmuck. Sie ist eine Erkenntnisform. Wenn unter einer Schule ein Fundbüro für verlorene Wörter liegt, dann ist das natürlich unmöglich. Aber gerade diese Unmöglichkeit macht sichtbar, was im Alltag oft unsichtbar bleibt: dass Wörter müde werden können, wenn sie zu oft falsch benutzt werden; dass Floskeln etwas verdecken; dass ein genaues Wort manchmal mehr Trost gibt als eine schnelle Lösung.
Für mich sollte ein gutes Kinderbuch Kinder nicht schonen, indem es ihnen die Welt harmloser macht, als sie ist. Es sollte sie aber auch nicht überfordern. Der Unterschied liegt im Ton. Ein Kinderbuch darf Traurigkeit kennen, Scham, Angst, Einsamkeit, Ausgrenzung und den Wunsch, gesehen zu werden. Aber es muss diese Dinge so erzählen, dass ein Kind nicht allein damit zurückbleibt. Nicht jedes Problem muss am Ende verschwinden. Nicht jede Entschuldigung muss sofort angenommen werden. Nicht alles muss gut sein. Aber ein gutes Kinderbuch sollte zeigen, dass nach einem schwierigen Satz noch ein weiterer Satz möglich ist.
Deshalb ist mir Sprache so wichtig. Sprache ist im Kinderbuch nicht bloß Mittel zum Erzählen. Sie ist selbst ein Teil der Handlung. Kinder lernen durch Geschichten nicht nur neue Wörter, sondern auch neue Möglichkeiten, sich selbst zu verstehen. Wer nur „gut“, „schlecht“, „doof“, „egal“ und „okay“ zur Verfügung hat, erlebt die Welt gröber, als sie ist. Ein gutes Kinderbuch vergrößert den inneren Wortschatz. Es schenkt nicht einfach Vokabeln. Es zeigt, warum ein Wort gebraucht wird.
Dabei geht es mir nicht um Sprachpflege im belehrenden Sinn. Ich möchte Kindern nicht sagen: Sprich ordentlich. Ich möchte ihnen zeigen: Deine Empfindung ist genauer, als das erste Wort erlaubt. Such weiter. Hör genauer hin. Vielleicht bist du nicht wütend, sondern verletzt. Vielleicht bist du nicht feige, sondern vorsichtig. Vielleicht bist du nicht komisch, sondern gerade dabei, etwas Neues in dir zu bemerken.
Ein gutes Kinderbuch vertraut darauf, dass Kinder solche Unterschiede verstehen, wenn man sie nicht erklärt, sondern erleben lässt. Es braucht Figuren, die Fehler machen dürfen. Erwachsene, die nicht alles wissen. Freundschaften, die nicht glatt sind. Magie, die nicht alles repariert. Humor, der nicht über die Figuren lacht, sondern mit ihnen atmet. Und es braucht eine Sprache, die einfach genug ist, um gelesen zu werden, aber reich genug, um Spuren zu hinterlassen.
Wenn ich Kinderbücher schreibe, denke ich deshalb nicht zuerst an den Markt, obwohl ein Buch natürlich Leser finden soll. Ich denke an das Kind, das abends eine Seite hört und am nächsten Tag vielleicht ein Wort anders benutzt. An das Kind, das merkt, dass „Verzeihung“ mehr ist als ein Radiergummi. An das Kind, das begreift, dass Phantasie nicht Lüge ist, sondern manchmal ein Schutzraum. An das Kind, das mutig sein möchte und lernen darf, dass Hilfe holen ebenfalls Mut sein kann.
Ein gutes Kinderbuch muss nicht alles erklären. Es muss etwas öffnen. Es sollte Kindern eine Geschichte geben, in der sie sich nicht ausgestellt fühlen, sondern eingeladen. Es sollte ihnen Abenteuer schenken und zugleich ein leises Werkzeug: das Vertrauen, dass das, was in ihnen geschieht, einen Namen finden kann.
Vielleicht ist das für mich der Kern eines guten Kinderbuchs: Es erzählt so, dass Kinder die Welt nicht nur bunter sehen, sondern genauer. Und Genauigkeit ist, gerade für Kinder, keine Kälte. Sie ist Zuwendung.
