Autor: Benno Vorberg
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Der Satz braucht weniger Schmuck, als man glaubt
Adjektive und Adverbien sind nicht die Feinde der Literatur. Es gibt große Sätze, die ohne sie nicht denkbar wären. Ein genaues Adjektiv kann einen Raum öffnen. Ein einziges Adverb kann eine Handlung kippen. Aber viele Manuskripte verwenden diese Wörter nicht aus Genauigkeit, sondern aus Unsicherheit. Der Text traut dem Substantiv nicht. Er traut dem Verb…
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Eine Szene ist kein Ort, sondern eine Prüfung
Warum Räume erst dann literarisch werden, wenn in ihnen etwas auf dem Spiel steht Viele Szenen beginnen mit einem Ort. Ein Zimmer. Eine Küche. Ein Bahnsteig. Ein Krankenhausflur. Ein Hotelzimmer. Ein Theaterfoyer. Ein Auto, das vor einer roten Ampel steht. Der Ort ist da, die Figuren sind da, die Requisiten liegen bereit. Jemand sitzt, jemand…
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Warum ein Klappentext nicht erzählen darf, was der Roman erzählt
Über Inhaltsangaben, falsche Vollständigkeit und die Kunst der Einladung Viele Klappentexte scheitern nicht, weil sie schlecht geschrieben sind. Sie scheitern, weil sie zu gehorsam sind. Sie glauben, dem Buch dienen zu müssen, indem sie es erklären. Also erzählen sie, wer die Hauptfigur ist, wo die Handlung beginnt, welches Problem auftaucht, welche Entscheidung bevorsteht, welche Vergangenheit…
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Figuren brauchen keine Eigenschaften, sondern Widersprüche
Viele Figuren betreten ein Manuskript mit einem kleinen Gepäck aus Eigenschaften. Sie sind einsam, stolz, verletzlich, stark, müde, ironisch, verschlossen, großzügig, kontrolliert. Manchmal tragen sie diese Eigenschaften wie Namensschilder. Der Leser erfährt schnell, was er über sie wissen soll. Und gerade deshalb erfährt er oft zu wenig.
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Der Unterschied zwischen Handlung und Bewegung
s gibt Manuskripte, in denen auf jeder Seite etwas geschieht. Menschen kommen an, gehen fort, streiten, erinnern sich, finden Briefe, verlieren Schlüssel, bekommen Anrufe, entdecken alte Fotos, reisen in andere Städte, treffen Entscheidungen, bereuen sie, widerrufen sie, fassen neue. Die Handlung ist vorhanden. Man kann sie nacherzählen. Man kann Kapitel für Kapitel sagen, was passiert…
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Die erste Seite weiß mehr als der Autor
Die erste Seite eines Romans ist kein Eingang. Sie ist auch kein Empfangsraum, in dem der Autor dem Leser höflich die Jacke abnimmt, den Plot erklärt, die Figuren vorstellt und versichert, dass gleich etwas Interessantes geschehen werde. Eine erste Seite ist etwas anderes. Sie ist ein Verdacht. Sie verrät mehr, als sie soll.